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Debatte

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Sparhammer oder kreatives Tool?

Kürzlich hat sich Paul-Josef Raue, Chefredakteur der Thüringer Allgemeinen aus Erfurt, auf seinem Blog zum Thema Newsdesk geäußert. Er fragt sich, ob der Desk in vielen Redaktionen nur eingeführt wurde, um Geld zu sparen. Im Gegenzug entwirft er ein Bild vom Desk als einer zentralen Instanz zur Qualitätssteigerung im Blatt. Diese Thesen wollten wir diskutieren. Wir haben lokale Chefredakteure gefragt, was Sie davon halten.

Wir wollten wissen:

  • 1.Wie bewerten Sie Raues Thesen?
  • 2.Welches Newsroom-Konzept verfolgt Ihr Verlag? (kurz skizziert)
  • 3.Wie sind die Erfahrungen damit?
Jost Lübben

„Noch sind die Themen zu sehr von Print dominiert“

1. Paul Josef Raue stößt eine sinnvolle Debatte an, weil es immer notwendig ist darüber zu sprechen, wie wir bessere Ergebnisse erreichen können. Am Ende des Tages ist der Desk eine Art Hülle, die uns einen Rahmen bietet – für kommunikativeres, qualitätsvolleres und kreativeres Arbeiten an unseren journalistischen Produkten. Der Rahmen muss durch eine bestimmte Haltung mit Leben erfüllt werden. Wie lokal der Desk tickt, hängt also von den Menschen ab, die an ihm sitzen. Nach meiner Meinung braucht es eine Antwort auf die Frage: „An welcher Stelle im Produkt ist lokaler Inhalt marktrelevant?“

2. Wir haben einen zentralen Desk, an dem Deskchef, Ressortleiter (Blattmacher), Onliner, Producer (Seitenproduktion) und (ab 1.Oktober) ein Grafiker sitzen. Das Ziel ist, jeden Tag lokale Themen digital zu spielen und auf der  Seite 1 möglichst aufzumachen. Im Fokus jeder Planungsrunde (Wochenkonferenz, Tageskonferenzen) steht die lokale Top-Story.

3. Die Produktion für Print funktioniert reibungslos. Noch aber ist es so, dass die Themen zu sehr von Print dominiert werden. Hier besteht Entwicklungsbedarf, weniger produktbezogen und stärker themenbezogen zu arbeiten.

Jost Lübben ist Chefredakteur der Nordsee-Zeitung.

Uwe Röndigs

„Recherche ist das wichtigste Thema“

Um ehrlich zu sein: Die Wetzlarer Neue Zeitung hat bis heute keinen Newsdesk – und gestorben sind wir bis heute auch noch nicht daran. Natürlich haben wir viele Jahre immer wieder das Thema diskutiert, uns Modelle befreundeter Zeitungshäuser angeschaut, viele Defizite gesehen, überlegt und abgewogen – und bis heute wahrscheinlich Fehlinvestitionen in sechsstelliger Höhe vermieden.


Alles das, was die Verfechter neuer Strukturen in deutschen Redaktionen anführen – multimediale Planung, ressortübergreifendes Denken und Arbeiten, Arbeitsteilung zwischen Schreibern und Blattmachern, mehr Reporter in der Produktion der Zeitung – all das ist prinzipiell auch ohne Desk möglich und denkbar. Und von daher liegt die Vermutung nahe, dass die Einführung von Newsdesks in vielen Redaktionen darin begründet liegt, Verkrustungen aufzubrechen, die Bollwerke der Ressort-Fürstentümer zu schleifen – und natürlich auch weiter zu sparen.

Im Ernst: Hat sich jemand mal die Mühe gemacht, die journalistische Qualitäten zu messen, die vor und nach Einführung von Newsdesks in deutschen Tageszeitungen herrschten und herrschen? Einzeluntersuchungen sind beschämend. Sind Lokalteile nicht immer noch viel zu meinungsarm, wie Joachim Braun nicht müde wird zu predigen? Was ist mit der Themenvielfalt im Blatt? Sind wir - wie immer – nicht einfach anders geworden, mit einem Hang zur „Produktion aus einem Guss“ und großen Themenhintergründen?

Meine Meinung: Starke Rechercheure und Autoren prägen Blatt und die Online-Auftritte mehr als jeder Desk! Lassen wir sie doch ihre Arbeit machen!

Was soll das heißen? Nicht die Organisation ist das wichtigste Thema in deutschen Redaktionen, sondern die Recherche. Vor Ort sein, Themen erkennen und ihnen auf den Grund gehen, sie mit den geeigneten Mitteln (Video, Grafiken, Bild und Text) aufzuarbeiten, darauf kommt es an. Das gelingt nur, wenn den Redakteuren die Lasten der täglichen Produktion, die in vergangenen Rationalisierungsdekaden mehr und mehr zugenommen hat, wenigstens erleichtert wird – und wenn sie zu Recherche angespornt werden.

Was heißt das bei der WNZ konkret: Mehr selbst schreiben können, dazu hat eine Arbeitsteilung zwischen Blattmachern und Producern beigetragen; ein Produktionspool soll zukünftig helfen, die Seitenumfänge besonders im Lokalen zu bewältigen; die Steuerung und Kommunikation zwischen Lokalem und Nachrichten/Online (bald sicher auch an einem Tisch) muss und kann sehr schnörkellos gehalten werden; Online ist längst nicht mehr ein Thema für Spezialisten, sondern wächst über eine Integration von jungen Kollegen in die einzelnen Teams hinein.

Worauf allerdings all diese Entwürfe – und auch ein Paul-Josef Raue – nicht eingehen: die Schlüsselrolle der Redaktionsleiter und -leiterinnen im Lokalen. An ihnen hängt viel! Sie geben der Zeitung ein Gesicht. Sie stehen in Konflikten gerade. Sie verteidigen Grundsätze der journalistischen Arbeit vor Ort (oder auch nicht) und leiten Debatte und Kollegen, und mischen meist selbst kräftig mit. Sie zu fördern, ist eine richtig gute Investition!

Uwe Röndigs ist Chefredakteur der Zeitungsgruppe Lahn-Dill.

Michael Husarek

„Ein gut funktionierender Desk ist ein Kommunikationsmittel“

In vielen Punkten stimme ich  Paul-Josef Raue voll und ganz zu. Natürlich wäre es ausgemachter Blödsinn, einen Redaktionsdesk lediglich aus Spargründen zu installieren. Und ebenso absurd wäre es, den Desk als reines Zentralisierungsinstrument einer Redaktion quasi überzustülpen. Ein Desk hat aus meiner Sicht vor allem die Funktion, Abläufe zusammenzuführen, die vorher strikt getrennt voneinander abgelaufen sind. Für mich ist ein gut funktionierender Desk ein Kommunikationsmittel.

Unsere diesbezüglichen Erfahrungen sind positiv. Viele Diskussionsprozesse, die vor der Desk-Einführung in den einzelnen Ressorts, also quasi hinter vorgehaltener Hand, stattgefunden haben, sind mittlerweile Teil der gemeinsamen Arbeit. Natürlich ist diese Entwicklung noch ausbaubar, aber der Anfang ist gemacht.

Und auf einen weiteren, sehr positiven Aspekt des Desks möchte ich ebenfalls hinweisen: Er fungiert auch als Bindeglied zwischen Print- und digitaler Welt. Schließlich ist es für einen Regionalzeitung wie die Nürnberger Nachrichten mit ihren Außen- und Heimatausgaben unabdingbar, mit dem Desk über eine zentrale Einheit zu verfügen, die uns idealerweise die tägliche journalistische Kernfrage beantworten lässt: Was bewegt die Menschen in unserem Verbreitungsgebiet?

Mein Fazit: Die Arbeit am Desk ist anders als vorher, sie muss auch immer wieder kritisch hinterfragt und optimiert werden, aber dieses Arbeitsorganisationsinstrument hat den Praxistest längst bestanden.

Michael Husarek ist stellvertretender Chefredakteur der Nürnberger Nachrichten.


Zu Raues Blog
Zum drehscheibe-Artikel über Raues Thesen

 

Veröffentlicht am 22. September

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