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Ein Fall für den Presserat

Umgang mit Leserbriefen

 

Gegen den Willen eines Leserbriefschreibers wird beim Abdruck sein Pfarrertitel angeführt, der Brief wird an andere Empfänger weitergeleitet. Der Mann beschwert sich beim Presserat. Von Edda Eick

Der Fall:

Die Zeitung berichtet über eine neue Tempo-30-Zone in der Stadt. Sie erhält daraufhin einen Leserbrief mit dem Namen des Absenders und dem Zusatz „Kreisrat“. Einige Tage später erscheint ein redaktioneller Artikel mit der Überschrift „Kein Verständnis für Autofahrer“. Darin wird aus besagtem Leserbrief zitiert und der Absender nicht nur als Kreisrat, sondern auch mit seinem Pfarrertitel bezeichnet. In der Folge erscheint ein Leserbrief zur Haltung des Pfarrers. Außerdem wendet sich der Chefredakteur in einer E-Mail an den Kreisrat und Pfarrer, erläutert sein Vorgehen und setzt andere Empfänger hierbei in Kopie (cc). Im Anhang ist der ursprüngliche Leserbrief, der per E-Mail bei der Redaktion eingegangen war, zu lesen. Der Kreisrat und Pfarrer wendet sich an den Presserat. Er wirft der Reaktion vor, ohne Sachbezug als Pfarrer tituliert worden zu sein. Er habe bewusst nicht den Eindruck erwecken wollen, dass er für den Leserbrief seine geistliche Autorität in Anspruch nehme. Er habe den Leserbrief als Bürger und Mandatsträger, nicht  jedoch als Pfarrer geschrieben. Nicht in Ordnung sei zudem, dass ein von ihm verfasster Leserbrief ohne Einwilligung an Dritte weitergegeben worden sei.

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Die Redaktion:

Der Redaktionsleiter vertritt den Standpunkt, dass der Leserbriefschreiber sein Amt als Pfarrer nicht einfach abstreifen könne. Er sei eine im lokalen Umfeld bekannte Persönlichkeit. Deshalb habe sich die Redaktion dazu entschlossen, seine berufliche Funktion anzugeben, obwohl der Einsender ausdrücklich darum gebeten habe, seinen Status als Pfarrer nicht zu erwähnen. Die Redaktion habe den Leserbrief überdies als redaktionellen Beitrag im Lokalteil verarbeitet. Die Leserbriefseite sei keine Plattform für Mandatsträger, die dem Leser ihre Politik erläutern wollten. Dem Einsender gegenüber habe der Redaktionsleiter seine Haltung in einem Schreiben per E-Mail erläutert. Er spricht von einer „Privatfehde“ des Kreisrats und Pfarrers gegen die Zeitung.

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Das Ergebnis:

Es kann im Einzelfall gerechtfertigt sein, dass eine Redaktion eine Einsendung – dem Thema entsprechend – im Lokalteil thematisiert, doch ist dies ohne ausdrückliches Einverständnis des Leserbriefschreibers nicht akzeptabel. Das Vorgehen der Redaktion verstößt gegen die Ziffer 2, Richtlinie 2.6 (Leserbriefe) des Pressekodex. Die Weitergabe des vollständigen Leserbriefs an Dritte stellt aus Sicht des Presserats einen besonders gravierenden Verstoß dar. Die Korrespondenz zwischen Redaktion und Lesern sowie Informanten unterliegen dem redaktionellen Datenschutz (Ziffer 8 des Kodex) und dem Redaktionsgeheimnis (Richtlinie 2.6). Dass die Zeitung diese Grundsätze achtet, ist von außerordentlicher Bedeutung für die Glaubwürdigkeit der Presse. Der Presserat spricht eine öffentliche Rüge aus, die die Zeitung in einer ihrer nächsten Ausgaben veröffentlichen muss.

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Der Kodex:

Richtlinie 2.6 – Leserbriefe

Alle einer Redaktion zugehenden Leserbriefe unterliegen dem Redaktionsgeheimnis. Sie dürfen in keinem Fall an Dritte weitergegeben werden.

Ziffer 8 – Schutz der Persönlichkeit

Die Presse achtet das Privatleben des Menschen und seine informationelle Selbstbestimmung. Bei einer identifizierenden Berichterstattung muss das Informationsinteresse der Öffentlichkeit die schutzwürdigen Interessen von Betroffenen überwiegen. Die Presse gewährleistet den redaktionellen Datenschutz.

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