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Ein Fall für den Presserat

Der Name des Täters

 

Eine Zeitung rollt einen mehrere Jahre zurückliegenden Kriminalfall auf, ohne den verurteilten Täter zu anonymisieren. Dieser sieht dadurch den Verlauf seiner Resozialisierung gefährdet. Von Edda Eick

Der Fall:

In einer Regionalzeitung erscheint unter dem Leitthema „Das geschah 2009“ zum 150-jährigen Bestehen der Zeitung eine Jahreschronik. Unter der Zwischenüberschrift „Regional“ erwähnt die Redaktion, dass 2009 ein damals 38-jähriger, im Bericht namentlich genannter Mann seine Ehefrau und seine damals siebenjährige Tochter mit mehr als 150 Messerstichen getötet habe. Der Mann sei zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt worden. Der verurteilte Täter wendet sich an den Presserat.
Er hält die Berichterstattung mit dem Pressekodex nicht für vereinbar. Die Erwähnung seines Namens wirke sich negativ auf sein Fortkommen im Rahmen seiner derzeitigen, bereits sehr weit fortgeschrittenen Resozialisierung aus.

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Die Redaktion:

Der Chefredakteur der Online-Ausgabe nimmt zu der Beschwerde Stellung. Der Mord an Frau und Tochter sei einer der aufsehenerregendsten Fälle in der Geschichte der Region gewesen. Viele Menschen in der Stadt und in ihrem Umkreis verbänden mit dem Namen des Mannes die Morde aus dem Jahr 2009. Die Taten seien als Teil der regionalen Zeitgeschichte anzusehen. Die Behauptung des Beschwerdeführers, seine Resozialisierung sei „bereits sehr weit fortgeschritten“, kommentiert der Chefredakteur mit dem Hinweis, dass sich der Mann nach wie vor im geschlossenen Vollzug befinde.

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Das Ergebnis:

Die Berichterstattung steht im Einklang mit Ziffer 8 des Pressekodex. Nach den Regeln der Kriminalberichterstattung in Richtlinie 8.1 besteht an der Information über Straftaten, Ermittlungs- und Gerichtsverfahren ein berechtigtes Interesse der Öffentlichkeit. Es ist Aufgabe der Presse, darüber zu berichten. Das gilt auch dann, wenn zurückliegende Straftaten erneut thematisiert werden. Im vorliegenden Fall treten die schutzwürdigen Interessen des Beschwerdeführers hinter das Informationsinteresse der Öffentlichkeit zurück. Dieser Umstand begründet sich aus dem öffentlichen Aufsehen, das die Taten in der Region ausgelöst haben. Der Presserat merkt an, dass der Täter während seiner Flucht eine E-Mail mit seinem Geständnis an die Zeitung geschickt habe. Damit habe er von sich aus die Öffentlichkeit gesucht. Das Resozialisierungsinteresse gewinnt erst mit zeitlichem Abstand von der Verurteilung und dem Ablauf der Strafe an Bedeutung. Verurteilt wurde der Betroffene im Jahr 2010, zum Zeitpunkt der Berichterstattung stehen noch zwei Drittel der regulären Haft aus.

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Der Kodex:

Ziffer 8 – Schutz der Persönlichkeit

Die Presse achtet das Privatleben des Menschen und seine informationelle Selbstbestimmung. Ist aber sein Verhalten von öffentlichem Interesse, so kann es in der Presse erörtert werden. Bei einer identifizierenden Berichterstattung muss das Informationsinteresse der Öffentlichkeit die schutzwürdigen Interessen von Betroffenen überwiegen; bloße Sensationsinteressen rechtfertigen keine identifizierende Berichterstattung. Soweit eine Anonymisierung geboten ist, muss sie wirksam sein. Die Presse gewährleistet den redaktionellen Datenschutz.

Richtlinie 8.1 – Kriminalberichterstattung

(1) An der Information über Straftaten, Ermittlungs- und Gerichtsverfahren besteht ein berechtigtes Interesse der Öffentlichkeit. Es ist Aufgabe der Presse, darüber zu berichten.

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