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Interview

Anke Vehmeier ist freie Journalistin.

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„Die Spendenbereitschaft ist riesig“

Jedes Jahr im Winter geht in Bonn ein Licht auf: Die Aktion „Weihnachtslicht“ des Bonner General-Anzeigers beginnt. Das Zeitungshaus sammelt zusammen mit dem Verein „Weihnachtslicht“ und vielen freiwilligen Helfern Spenden für bedürftige Senioren im Einzugsgebiet. Vor zwei Jahren kamen dabei zum ersten Mal mehr als eine Million Euro zusammen. Die drehscheibe sprach mit der Journalistin Anke Vehmeier, die die Spendenaktion koordiniert und journalistisch begleitet.

Mit einem Klick aufs Bild geht's zum Weihnachtslicht

Frau Vehmeier, worum geht es beim „Weihnachtslicht“?

Es geht um Hilfe für bedürftige Senioren, die von der Grundsicherung leben müssen, und zwar konkret um Senioren aus unserem Verbreitungsgebiet. Diese Menschen stellen bei uns einen Antrag auf Hilfe. Hierfür gibt es Formulare, die man sich in unseren Zweigstellen abholen und demnächst auch online abrufen kann. Die Senioren geben auf dem Formular ihren Namen und ihr Geburtsdatum an, denn wir berücksichtigen Hilfsbedürftige erst ab dem 65. Lebensjahr, außer sie sind mehr als 50 Prozent behindert, dann ab dem 60. Lebensjahr. Außerdem benötigen wir den Grundsicherungs- bzw. Rentenbescheid. Diese Nachweise brauchen wir auf jeden Fall, um im Vier-Augen-Prinzip zu überprüfen, ob es sich wirklich um Bedürftige handelt.

 

Welche Beträge können diese Menschen erhalten, wenn sie von Ihnen als bedürftig eingestuft werden?

Eine Einzelperson erhält 400, ein Ehepaar 800 Euro. Das bekommen Einzelpersonen, die weniger als 600 Euro zum Leben haben, und Verheiratete mit weniger als 900 Euro. Dabei gibt es eine Vereinbarung mit dem Sozialamt, dass dieses Geld zweckgebunden ist. Es kann für ein neues Bett, einen Wintermantel, einen neuen Kühlschrank oder für ein Hörgerät oder ähnliches verwendet werden.

Warum unterstützen Sie ausgerechnet Senioren?

Weil sie mit ihren Problemen und Nöten oft vergessen werden.

Wie vielen Menschen helfen Sie jedes Jahr?

Mehr als 3000 Personen. Auffällig ist, dass dieses Jahr wesentlich mehr Anträge eingehen als zuletzt.

Woher rührt das?

Das hängt mit der zunehmenden Altersarmut zusammen. Die Zahl der Menschen, die mit ihrer geringen Rente nicht mehr zurechtkommen, steigt an. Das scheint gerade diese Jahrgänge zu betreffen, die jetzt in Rente sind oder gerade in Rente gegangen sind.

Auch die Zahl der Spender ist gestiegen. Im Jahr 2013 haben Sie zum ersten Mal mehr als eine Million Euro gesammelt.

Ja, die Spendenbereitschaft ist erheblich. Wenn man bedenkt, dass der General-Anzeiger eine Auflage von knapp über 72.000 Exemplaren hat, dann ist das ein sehr gutes Ergebnis. Es gibt auch viele Menschen, die das ganze Jahr über spenden, andere sind schon sehr lange dabei. Wir sind wirklich erstaunt, wie viele Menschen sich einsetzen.

Wie läuft Ihre Aktion jeweils an?

Das beginnt immer an einem Samstag Anfang November mit einem Aufruf auf Seite 3 im General-Anzeiger. An jedem weiteren Samstag im November veröffentlichen wir dann auf der eigenen Weihnachtslichtseite Beiträge zur Aktion. Den Dezember über bringen wir in der Woche zwei Seiten darüber. Auch im Januar erscheinen noch ein paar Seiten, beendet ist die Aktion Anfang Februar.

Was kann man auf diesen Seiten lesen?

Zunächst trägt die Seite immer ein Logo, das für den Wiedererkennungseffekt sorgt. Man findet Geschichten über Aktionen, die uns von den Lesern reingereicht werden, die Rubrik nennt sich: „Viele machen mit“. Dort wird darüber berichtet, wenn Privatleute Glühwein zugunsten des Weihnachtslichts verkaufen, Freundeskreise einen Flohmarkt organisieren, wenn Unternehmen Weihnachtsbäume zugunsten der Hilfsaktion verkaufen, wenn Künstler Benefizkonzerte geben, Kinder in der City musizieren oder ähnliches. Des Weiteren gibt es Berichte über unsere Besuche bei den Senioren. Die Menschen werden mit all ihren Problemen und Sorgen anonym vorgestellt. Das sind immer mehrere Dutzend Personen, die da porträtiert werden.

Wie viele redaktionelle Mitarbeiter unterstützen Sie?

Eine Handvoll Redakteure und mehrere freie Mitarbeiter.

Wann beginnen Sie mit der Planung der Aktion?

Das beginnt bereits im Sommer. Da schreiben wir langjährige Unterstützer an, und wir überlegen uns die ersten Geschichten. Anfang Oktober geht’s dann richtig los, allerdings bin ich nicht jeden Tag damit befasst.

Das „Weihnachtslicht“ ist eine der ältesten Spendenaktionen, die eine deutsche Tageszeitung veranstaltet, sie wurde 1952 ins Leben gerufen. Wie fing das damals an?

Die Aktion wurde aus der Not nach dem Krieg geboren. Anfangs ging es dabei vor allem um Sachspenden. Ein Kollege, der damals schon im Verlag gearbeitet hat, sagte mir erst kürzlich, dass die Aktion damals in der Bevölkerung sehr gut angekommen sei. Viele, die trotz des Krieges noch was auf der Seite hatten, waren bereit zu teilen mit denen, die alles verloren hatten. Auch innerhalb des General-Anzeigers fand gerade die Unterstützung für Senioren großen Rückhalt.

Sie sagen, jeder gespendete Cent gehe an Hilfsbedürftige. Das heißt, der Verlag übernimmt alle anfallenden Kosten?

Ja, das ist unter anderem ein Grund für den Erfolg des „Weihnachtslichts“, dass wir jede Spende eins zu eins weitergeben und nichts versickert.

Welche Kosten entstehen dem Verlag dabei?

Mir liegen darüber keine Zahlen vor. Das kann man auch nicht beziffern. Der Aufwand reicht ja von Mitarbeitern, die neben ihrer normalen Tätigkeit Arbeitszeit dafür aufbringen, bis hin zu Verwaltungskosten etc. Man darf aber auch nicht vergessen, dass die Aktion einen großen Marketing-Effekt hat.

Was bedeutet Ihnen das „Weihnachtslicht“ persönlich, jenseits der Tatsache, dass es sicherlich eine sehr arbeitsreiche Zeit ist?

Ich bin immer wieder fasziniert davon, wie solidarisch sich die Menschen verhalten. Man sieht auch, wie gut das Lokale funktioniert. Denn die Aktion ist vor allem deshalb so erfolgreich, weil sie direkt in Bonn und Umgebung stattfindet. Außerdem ist es für mich journalistisch eine Herausforderung, immer wieder eine spannende Seite zu gestalten, eine gute Mischung zu finden und tatsächlich auch etwas dazu beitragen zu können, diesen Menschen zu helfen.

Interview: Stefan Wirner

 

Kontakt
Anke Vehmeier
Freie Journalistin
Tel. 0228 – 94 69 88 4
mobil: 0172 – 67 75 21 0
E-Mail: anke.vehmeier@web.de

Veröffentlicht am 7. Dezember 2015

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